Themen: IT-Recht, LegalTech, Datenschutz, Informationssicherheit, Künstliche Intelligenz, Compliance, revDSG, Telekommunikationsrecht, FinTech, Wirtschaftsinformatik, VINCI Gruppe, Axians, LEXcellence, swissICT, asut,ITechLaw Association.
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Lesezeit: 7 Minuten
Guten Tag Frau De la Cruz. Als Head of Legal bei der VINCI Gruppe (Axians) und Of-Counsel bei der LEXcellence AG haben Sie eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Könnten Sie uns bitte Ihren Werdegang beschreiben, insbesondere wie Sie in den Bereich des IT-Rechts gelangt sind?
Nach dem Anwaltspatent gab es fast keine Stellen auf dem Markt – 10 Stellen gesamtschweizerisch während drei Monaten – publiziert zweimal wöchentlich in Printmedien. Ich bewarb mich und bekam eine dieser begehrten Stellen im IT-Bereich bei der heutigen SIX und landete so im Herzen der Banken- und IT-Branche (heute FinTech) – und wurde vom IT-Virus angesteckt, der mich bisher nicht mehr losgelassen hat: Ich konnte am Jahr 2000-Projekt mitarbeiten – ein globales IT-Projekt, bei dem ich viel gelernt habe. Auch grosse IT-Migrationsprojekte im Kreditkartenbereich waren sehr spannend und lehrreich, ebenso die Anfänge des Internet-Zeitalters mit grossen Lizenzdiskussionen mit führenden Herstellern oder die enge Zusammenarbeit insbesondere mit dem Purchasing. Dies alles waren Bereiche, die für mich neu waren – weit weg von der Advokatur, Notariatstätigkeiten und Wirtschaftsberatung.
Von der Bankenwelt wechselte ich in die Telekom-Branche zu Sunrise. Mein Telekom-Abenteuer startete mitten in der Fusion von Sunrise und diAx – mein erster Arbeitstag wurde mir per SMS mitgeteilt. Ich geriet mitten in die Fusion, in Restrukturierungen, Neugestaltung der Organisation, Netzausbau, Liberalisierung – eine sehr coole und sehr arbeitsintensive Zeit! Diese positive Energie, die Freundschaften und das Netzwerk von damals haben mich durch meine ganze berufliche Karriere begleitet und bis heute viele schöne Spuren hinterlassen.
Nach einer Zeit als General Counsel wagte ich den Sprung in die Selbständigkeit und baute mir von null einen Kundenstamm auf. Ich lernte, dass Unternehmertum etwas anderes ist als Juristerei – mit allen Facetten der Akquisition, Finanzen, Weiterentwicklung etc. Meine Selbständigkeit hat mich mit verschiedenen Kunden und Partnern zusammengebracht und mir auch gezeigt, dass ich nur erfolgreich sein kann, wenn ich mir treu bleibe, mich als Person und Anwältin einbringe und mich immer zu 150% für meine Klienten und für mein Netzwerk einsetze. Mit halbem Herzen lässt sich nicht akquirieren oder erfolgreich arbeiten – es ist das ehrliche Engagement, das den Unterschied macht.
Nach fast 15 Jahren Selbständigkeit kam der Zeitpunkt, wieder einen Sprung ins kalte Wasser zu wagen und zurück ins Corporate Business zu wechseln – in eine Position als Head of Legal mit internationaler Verantwortung bei der VINCI Gruppe. Die Integration und der Aufbau eines Geschäftszweigs in Osteuropa haben mich sehr gereizt und grossen Spass gemacht – bis heute. Durch die Begegnung mit neuen Menschen, mit neuen Kulturen und die fachlichen Herausforderungen habe ich neue Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte.
Immer offen sein für Neues, einen neuen Schritt wagen – das hat sich für mich in jeder Hinsicht gelohnt.
Sie sind nicht nur Anwältin und Notarin, sondern auch diplomierte Wirtschaftsinformatikerin. Wie profitieren Sie von diesem einzigartigen Profil?
In unserem Beruf ist es wichtig zu verstehen, wovon unsere Kunden sprechen. Je tiefer man in andere Fachgebiete eintaucht, desto besser wird die eigene Arbeit. Dies hat mich zur IT geführt und zur Weiterbildung in diesem Bereich. War es früher vor allem Software-Entwicklung, die ich besser verstehen wollte, so hat sich dies in den Jahren gewandelt von Themen der Informationssicherheit bis hin zu künstlicher Intelligenz, Robotik, Quantum Computing etc. Es bleibt abwechslungsreich, herausfordernd, aber auch immer neu und spannend. Diese Neugier, das Eintauchen in technische Fragestellungen haben mich weitergebracht und mir neue Möglichkeiten, neue Projekte eröffnet. Und es ist noch nicht vorbei…
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Womit beschäftigen Sie sich in Ihrem Arbeitsalltag und was schätzen Sie besonders an Ihrer Tätigkeit?
Ich beschäftige mich mit dem, was unsere Kunden von uns benötigen, nämlich qualitativ gute und innovative Leistungen, die wir anbieten, aber auch in Verträge giessen dürfen. Da heisst es, für Kundenanliegen gerade auch in den Bereichen Datenschutz, Informationssicherheit etc. gute und tragfähige Lösungen zu finden und intern umzusetzen. Unterstützung bei Offerten oder Verhandlungen steht dabei im Vordergrund.
Als Verantwortliche für Compliance bin ich auch mit den internen Vorgaben und Umsetzungen beschäftigt – ein Vorhaben, das nicht immer leicht umzusetzen ist. In der Struktur von VINCI wird trotz der Grösse des Konzerns Unternehmertum, Dezentralität und Eigenverantwortung grossgeschrieben und auch gelebt. Damit liegt es an mir und meinen Kolleginnen und Kollegen, ein Umfeld zu schaffen, um Vorgaben umzusetzen, aber auch allen aus dem Business die notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen und Ansprechstellen zu schaffen, um Entscheidungen dezentral fällen zu können.
Sie engagieren sich bei swissICT, der asut und sind im Vorstand von ITechLaw Association. Welche Themen stehen dort im Fokus?
swissICT und asut sind wichtige Plattformen für den Wirtschaftsstandort Schweiz, die ich auch unterstützen will. Sie sind für mich wichtige Plattformen, um mich über technologische Themen zu orientieren, sich mit Personen mit anderen Erfahrungen auszutauschen, zu vernetzen und zu lernen. Gleichzeitig engagiere ich mich dafür, den Mitgliedern der Organisationen auch etwas weiterzugeben, über neue juristische Themen wie die KI-Regulierung, Datenschutz und Informationssicherheit, die EU-Regulierung im Bereich des Daten-Managements etc. zu referieren oder entsprechende Informationen mit Kolleginnen und Kollegen bereitzustellen.
Bei der ITechLaw Association stehen internationale Regulierungen im Vordergrund, aber auch die Vernetzung mit Anwältinnen und Anwälten der ganzen Welt. Die Regulierungsdichte nimmt zu. Da ist es wichtig, à jour zu bleiben und sich vertieft mit den regulatorischen Themen insbesondere in den Bereichen IT, AI, Telekommunikation, Datenwirtschaft etc. zu beschäftigen.
In den letzten Jahren ist das Thema Mediation und Schiedsgerichtsbarkeit im Technologiebereich hinzugekommen: Zusammen mit Technologieanwälten und IT-Spezialisten haben wir ITDR – einen Verein für IT Mediation und IT-Schiedsgerichtsbarkeit gegründet. Ziel ist es, den IT-Werkplatz Schweiz zu unterstützen und im Konfliktfall auf der Basis von spezifischem Know How für und mit Unternehmen zeitnah Lösungen zu finden, sei es in der Form von IT Mediation, IT-Schiedsgerichtsbarkeit oder durch ausgewiesene technische Experten.
„Nebst KI steht auch Quantum Computing oben auf der Liste der Top-Themen, da dies schon hinter der nächsten Ecke hervorschaut…“ – Carmen De la Cruz
Welche Technologien halten Sie aus rechtlicher Perspektive für besonders interessant?
Es ist klar, dass das Thema KI auch für uns Anwälte sehr spannend ist. Dabei ist entscheidend zu verstehen, was KI wirklich bedeutet und welche technischen Konzepte dahinterstecken. Nicht alles ist neu, gewinnt aber unter Umständen eine neue Dimension wie zum Beispiel die benötigte Hardware, Datenmengen, Vernetzung etc. Viele verschiedene Rechtsbereiche sind davon betroffen wie Urheberrecht, Datenschutz, KI-Regulierung, Vollstreckbarkeit etc. Abgesehen von der Tragweite für die juristische Beratung gehen die rein juristischen Themen auch nicht aus – eine spannende Zeit!
Nebst KI steht auch Quantum Computing oben auf der Liste der Top-Themen, da dies schon hinter der nächsten Ecke hervorschaut…
Das neue Datenschutzgesetz (revDSG) ist am 1. September 2023 in Kraft getreten. Wie beurteilen Sie das Gesetz im Kontext des technologischen Fortschritts?
Datenschutz ist wichtig angesichts der technologischen Veränderungen und der Datenmengen, die gesammelt und genutzt werden. Ob die Instrumentarien der Datenschutzgesetzgebung für einen effektiven Datenschutz wirklich greifen, ist doch eher zweifelhaft – die Spiesse scheinen da in Bezug auf einige wenige Technologiekonzerne ungleich lang zu sein. Die Möglichkeiten einzelner, die Nutzung der eigenen Daten überhaupt verfolgen und beeinflussen zu können, sind sehr gering; die Risiken für den einzelnen steigen. Mehr Regulierung hat hier die Machtverhältnisse kaum verändert. Man darf gespannt sein, wie sich dies in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird.
Welche Veränderungen erwarten Sie durch den Einsatz von LegalTech in der Rechtsbranche?
KI bringt zweifellos eine grosse Veränderung für die Rechtsbranche: Was früher mühsam recherchiert werden musste, kann heute in Sekundenschnelle nachgefragt werden. Damit bringt KI und LegalTech, einen entscheidenden Effizienzgewinn. Parallel dazu nimmt aber auch die Menge an Anfragen und an Abklärungen unter anderem wegen anspruchsvoller Regulierung, technisch komplexer Projekte zu. Ausprobieren, nutzen und sich und die Funktion des Rechtsdiensts, der anwaltlichen Tätigkeit weiterentwickeln – das ist aus meiner Sicht das Wichtigste.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt: Schlussendlich gilt es dennoch, fehlende Puzzle-Teile bei Abklärungen zu ergänzen, Antworten zu evaluieren, weiterabzuklären und von Menschen, Kunden und Lieferanten deren Wünsche, Anliegen abzuholen und in gute Lösungen umzuwandeln – dies hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern. Ein juristisch «wasserdichter» Vertrag garantiert nicht, dass der Deal überhaupt zustande kommt und der Kunde zufrieden ist – das bleibt immer noch den verhandelnden Menschen vorbehalten, dies anzustreben und umzusetzen. Denn KI wird den Kunden nicht halten, wenn er nicht zufrieden ist – Beziehungen, Gespräche und gute Lösungen jedoch schon.
Welchen Ratschlag würden Sie jemandem geben, der eine Karriere im Bereich des IT-Rechts anstrebt?
Neugierig sein und nie aufhören zu lernen – das eröffnet immer wieder neue Möglichkeiten.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke in Ihre Karriere und die Entwicklungen im Bereich Technologie und Recht. Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute!
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