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Emotionale Intelligenz: Der menschliche Erfolgsfaktor für Jurist*innen in Zeiten von KI

Emotionale Intelligenz: Der menschliche Erfolgsfaktor für Jurist*innen in Zeiten von KI

Weblaw AG
Weblaw AG

Juristische Exzellenz basiert traditionell auf analytischer Schärfe, Fachwissen und Präzision. Doch in einer Arbeitswelt, die zunehmend von einem hohen Einsatz künstlicher Intelligenz, der wachsenden Abhängigkeit von digitalen Tools sowie gleichzeitig von Zeitdruck, hoher Verantwortung, komplexen Interessenlagen und intensiver Kommunikation geprägt ist, entscheidet mehr denn je eine weitere Kompetenz über nachhaltigen Erfolg: emotionale Intelligenz (EQ).

Ob in Verhandlungen, in der Führung von Teams, im Umgang mit anspruchsvollen Mandant*innen oder bei strategischen Entscheidungen: Jurist*innen agieren täglich in emotional aufgeladenen Kontexten. Die Fähigkeit, eigene Emotionen bewusst zu steuern, Stressreaktionen zu regulieren und die Perspektiven anderer präzise wahrzunehmen, wird damit zu einem entscheidenden Leistungsfaktor.

Patricia Ordody, Senior Corporate Professional, Coach der Weblaw Academy und Advisor mit zwei Jahrzehnten Banking-Erfahrung, Team Head in einer führenden Privatbank und Gründerin von Health is Wealth in Zürich, zeigt auf, warum emotionale Intelligenz kein «Soft Skill», sondern eine Schlüsselkompetenz ist, und weshalb sie gerade für juristische Berufe enormes Potenzial birgt. Im folgenden Interview sprechen wir mit ihr darüber, wie EQ gezielt trainiert werden kann, welchen konkreten Mehrwert Schulungen und Coachings bieten und warum Inhouse-Formate für Kanzleien und Rechtsabteilungen in der Schweiz besonders wirksam sind.


Die Bedeutung von EQ für Jurist*innen

 

Weblaw: Patricia, in einem deiner aktuellen Fachartikel «Der meist unterschätzte Erfolgsfaktor» erschienen am 16. Januar 2026 in der Finews, betonst du, dass emotionale Intelligenz ein entscheidender Erfolgsfaktor ist, der traditionelle fachliche Weiterbildung oft übertrifft. Welche Aspekte der EQ sind deiner Meinung nach für Jurist*innen im beruflichen Alltag am relevantesten, und warum gerade in diesem Berufsfeld?

 


Patricia: Emotionale Intelligenz hat viele wichtige, zusammenhängende Komponenten. Für Jurist*innen sind emotionale Selbstwahrnehmung (das Fundament), emotionale Selbstkontrolle, Leistungsorientierung und Empathie besonders relevant.

 

Selbstwahrnehmung: Jurist*innen müssen ihre eigenen emotionalen Trigger erkennen können. Wenn ich in einer Verhandlung merke, dass mein Gegenüber eine bestimmte Formulierung nutzt, die bei mir eine Stressreaktion auslöst, ist es entscheidend, dass ich das bewusst wahrnehme, um von einem reaktiven in den strategischen Modus zurückzukehren.

 

Selbstregulation/emotionale Selbstkontrolle: Gerade im juristischen Berufsfeld ist die Fähigkeit, unter extremem Druck rational und klar zu bleiben, unerlässlich. Ohne bewusste Regulation überschreibt das emotionale Gehirn unsere kognitiven Fähigkeiten - genau die Fähigkeiten, die Jurist*innen für komplexe Rechtsanalysen, präzise Argumentationen und strategische Entscheidungen benötigen.

 

Leistungsorientierung: Jurist*innen streben danach, höchste Standards zu erfüllen oder zu übertreffen. Sie nehmen komplexe Herausforderungen an, gehen kalkulierte Risiken ein und suchen kontinuierlich nach Möglichkeiten, Dinge besser zu machen. Ohne emotionale Intelligenz wird dieser Antrieb jedoch zur Selbstzerstörung: Aus gesunder Exzellenz wird toxischer Perfektionismus, aus strategischem Risiko wird Hochmut oder lähmende Angst. EQ befähigt Sie, Ihre Leistungsorientierung produktiv zu kanalisieren.

 

Empathie: Die Fähigkeit, die Emotionen und Perspektiven anderer präzise wahrzunehmen und zu verstehen, ist für Jurist*innen essentiell. Ob in der Mandantenkommunikation, bei Verhandlungen oder in der Teamführung. Sie agieren täglich mit Menschen in emotional aufgeladenen Situationen. Empathie ermöglicht es Ihnen, die Bedürfnisse, Ängste und Motivationen Ihrer Mandant*innen zu erfassen, die Strategie Ihrer Verhandlungspartner*innen zu antizipieren und Ihr Team wirklich zu verstehen und zu führen. Ohne Empathie ist brillante juristische Argumentation wirkungslos, weil sie ihr Gegenüber nicht erreicht.

 

Hoher Stress und kognitive Leistung

 

Weblaw: Du beschreibst, wie Stressreaktionen im Gehirn rationale Entscheidungsprozesse blockieren können. Wie erlebst du die Verbindung zwischen emotionaler Selbstregulation und Entscheidungsqualität und wie können sich diese in Gerichtsterminen oder der Mandantenkommunikation auswirken?

 


Patricia: Die Verbindung ist neurobiologisch eindeutig. Wenn wir unter Stress stehen, schaltet unser Gehirn in den Überlebensmodus. Das sympathische Nervensystem wird aktiviert, Cortisol wird ausgeschüttet, und die Amygdala* übernimmt die Kontrolle. In dieser Zeit haben wir keinen vollen Zugang zu unserem präfrontalen Kortex - jenem Teil des Gehirns, der für strategisches Denken, Entscheidungsfindung, Impulskontrolle und langfristige Planung zuständig ist. Somit ist die Entscheidungsqualität wie auch die Interaktion mit Mitmenschen stark beeinträchtigt.

 

Konkret in Verhandlungen: Nach wochenlanger Vorbereitung und perfektionierten Argumentation, sagt ihr Gegenüber etwas, das Sie triggert - sei es ein herablassender Tonfall, eine unfaire Anschuldigung oder schlicht Zeitdruck. In Sekundenbruchteilen kann ein «emotionaler Hijack» all Ihre Vorbereitung zunichte machen. Sie reagieren impulsiv statt strategisch, machen Zugeständnisse, die Sie später bereuen, oder werden defensiv, obwohl Sie souverän bleiben wollten.

 

In Gerichtsterminen ist die Fähigkeit zur Selbstregulation noch kritischer. Richter*innen und Verteidiger*innen der Gegenseite nehmen nicht nur Ihre Argumente wahr, sondern auch Ihre Präsenz, Ihren Tonfall, Ihre Körpersprache. Wenn Sie innerlich angespannt oder ärgerlich sind, kommuniziert sich das nonverbal und untergräbt Ihre Glaubwürdigkeit, unabhängig davon, wie stark Ihre rechtlichen Argumente sind.

 

In der Mandantenkommunikation: Mandanten kommen oft in emotional aufgeladenen Situationen in Kanzleien: Scheidung, Unternehmenskrise, strafrechtliche Vorwürfe. Sie brauchen nicht nur juristische Expertise, sondern auch emotionale Stabilität und Empathie. Wenn Sie als Jurist*in Ihre eigenen Emotionen nicht regulieren können, überträgt sich das auf die Beziehung mit dem Resultat, dass Mandant*innen sich nicht verstanden fühlen. Üblicherweise leiden das Vertrauen und die Offenheit. Resultat: Die Zusammenarbeit wird ineffizient.

 

 

Trainierbarkeit von EQ

 

Weblaw: Ein zentraler Punkt in deinem Artikel ist, dass EQ kein angeborenes Talent, sondern eine trainierbare Fähigkeit ist. Wie sieht deiner Erfahrung nach, ein effektives EQ-Training aus und welche konkreten Methoden kannst du empfehlen, die besonders bei Jurist*innen wirken?


 

Patricia: Anders als der IQ kann EQ durch gezielte Praxis entwickelt werden - dank Neuroplastizität, der Fähigkeit des Gehirns, neue neuronale Verbindungen zu bilden. Ein effektives EQ-Training kombiniert neurologisches Verständnis mit praktischer Anwendung und folgt einem klaren Aufbau.

 

So strukturiere ich meine Trainings:

 

1. Fundament schaffen: Ich beginne mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen - was passiert in der Amygdala* unter Stress, wie funktioniert das Nervensystem, warum dauert eine Emotion nur 90 Sekunden im Körper. Jurist*innen schätzen diesen evidenzbasierten Ansatz enorm. Wenn sie die «Mechanik» verstehen, sind sie motiviert, die Tools anzuwenden.

 

2. Praktische Tools einüben: Dann erlernen und trainieren wir konkrete Techniken für die vier EQ-Bereiche, Selbstwahrnehmung, Selbstregulation, Leistungsorientierung und Empathie.

 

3. Individuelle Anwendung durch Selbstreflexion: Das Wissen wird direkt im Training auf die eigene Realität übertragen. Wir sind alle unterschiedlich, daher wenden Teilnehmende die Tools auf ihre eigenen Szenarien, Erfahrungen oder bevorstehenden Herausforderungen an. Diese intensive Selbstreflexion bereits während des Workshops macht das Training unmittelbar praxisrelevant und persönlich wirksam.

 

4. Nachhaltigkeit durch eigenständiges Üben: EQ-Entwicklung geschieht vor allem durch kontinuierliches Üben und Selbstreflexion im Alltag. Hier ist individuelles Coaching besonders wirkungsvoll: In persönlichen Sessions arbeiten wir an spezifischen Triggern, tief verankerten Mustern und individuellen Entwicklungsfeldern. Diese 1:1-Arbeit ermöglicht Durchbrüche, die in Gruppensettings nicht möglich sind. Sie erhalten massgeschneiderte Strategien für Ihre einzigartige Situation und können in einem geschützten Raum üben, reflektieren und wachsen.

 

Was besonders wirkt: Die Kombination aus wissenschaftlicher Fundierung, praktischen Übungen und individueller Reflexion. Für nachhaltige Transformation empfehle ich Inhouse-Schulungen für gemeinsame Sprache und Kultur im Team, kombiniert mit individuellem Coaching für persönliche Transformation.

 

Messbarer Nutzen von Inhouse-Schulungen und Personal Coachings

 

Weblaw: Inhouse-Schulungen und Personal Coachings bieten den Vorteil, massgeschneiderte Inhalte direkt in die Organisation zu integrieren. Welche messbaren Veränderungen oder Erfolge hast du bei Teams erlebt, die EQ-Trainings absolviert haben z. B. in Zusammenarbeit, Führung oder Konfliktlösung?


 

Patricia: Die Veränderungen zeigen sich auf drei Ebenen:

 

Individuell: Teilnehmer*innen berichten konsequent von erhöhter Selbstwahrnehmung («Ich erkenne meine Stress-Signale frühzeitig»), verbesserter Entscheidungsqualität unter Druck und höherer Resilienz - sie verarbeiten Rückschläge schneller und bleiben nicht in negativen Denkschleifen hängen.

 

Team-Ebene: Teams kommunizieren konstruktiver, sprechen Konflikte früher an, und es entsteht höhere psychologische Sicherheit. Wenn Führungskräfte emotional intelligent agieren, trauen sich Mitarbeitende, Fehler zuzugeben und Ideen einzubringen. Missverständnisse reduzieren sich, Meetings werden produktiver.

 

Organisational: Höherer EQ ermöglicht das vollumfängliche Nutzen unserer intellektuellen Fähigkeiten und ganzheitliches Wohlbefinden. Unser Gehirn ist der CEO unseres gesamten Systems. Ist der CEO nicht fit, leidet die gesamte Organisation, individuell und kollektiv. Bei Konflikten spielen aktives Zuhören, die Fähigkeit, nicht alles persönlich zu nehmen und konstruktives Feedback eine enorme Rolle. Konflikte können die Leistung steigern, wenn wir Win-Win-Lösungen anstreben.

 


Warum nicht nur in KI sondern auch in EQ investieren?

 

Weblaw: Welche Argumente würdest du verwenden, um Kanzleien und Inhouse-Jurist*innenteams in der Schweiz davon zu überzeugen, dass Investitionen in EQ-Schulungen und Coaching gerade jetzt strategisch sinnvoll sind, insbesondere angesichts von Digitalisierung, komplexen Mandaten und der Erwartungshaltung von Kund*innen?


 

Patricia: Die Frage ist nicht, ob wir uns EQ leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten. Drei strategische Argumente:

 

1. KI übernimmt Analyse - EQ macht den menschlichen Unterschied: KI durchsucht Dokumente, findet Präzedenzfälle, analysiert Daten. Was KI nicht kann: komplexe Emotionen verstehen, Vertrauen aufbauen, mit Empathie agieren, ethische Dilemmata abwägen. Die Zukunft Ihrer Profession liegt nicht darin, besser zu recherchieren als KI - sondern darin, die menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln, die uns einzigartig machen. EQ ist die Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts.

 

2. Mandant*innen erwarten mehr als juristische Exzellenz: Ihre Mandant*innen setzen fachliche Kompetenz voraus. Sie wählen Sie, weil Sie Vertrauen schaffen, Sicherheit vermitteln und mit Empathie führen. Eine Kanzlei mit emotional intelligentem Team liefert nicht nur bessere Ergebnisse, sondern ein deutlich besseres Mandantenerlebnis - das führt zu Empfehlungen und Wettbewerbsvorteilen.

 

3. EQ ist Prävention und wirtschaftlich hochrentabel: Die Kosten emotionaler Unintelligenz sind Burnout (Jurist*innen sind Hochrisikogruppe), hohe Fluktuation (immense Kosten für Wissensverlust und Neubesetzung), Ineffizienz durch Konflikte und Präsentismus sowie schlechte Team-Dynamik. EQ-Training adressiert die Wurzel, senkt Fehlzeiten und erhält leistungsfähige Mitarbeitende.  

 


Fazit: Der Schweizer Rechtsmarkt wird kompetitiver. Was Sie unterscheidet, ist nicht nur fachliche Kompetenz, sondern wie Sie unter Druck leisten, Mandant*innen führen und Teams inspirieren.

Das Gespräch mit Patricia Ordody macht deutlich: Emotionale Intelligenz ist für Jurist*innen kein «Nice-to-have», sondern eine zentrale Kompetenz für nachhaltige Leistungsfähigkeit und beruflichen Erfolg. Drei Argumente stechen dabei besonders hervor:

 

Bessere Entscheidungen unter Druck: Juristische Arbeit findet häufig in Hochstresssituationen statt, sei es in Verhandlungen, vor Gericht oder im Umgang mit anspruchsvollen Mandaten. EQ-Trainings stärken die Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation und ermöglichen klares, rationales Denken genau dann, wenn es am meisten zählt.

 

Wirksamere Kommunikation und Führung: Ob Mandantenbeziehung, Teamführung oder Konfliktlösung: Jurist*innen arbeiten täglich mit Menschen und Emotionen. Ein ausgeprägter EQ verbessert Empathie, Gesprächsführung und Durchsetzungsfähigkeit. Er erhöht damit sowohl die Qualität der Zusammenarbeit als auch die Wahrnehmung von Professionalität und Souveränität.

 

Drittens: Nachhaltige Leistungsfähigkeit und Resilienz.
EQ ist trainierbar und wirkt langfristig. Inhouse-Schulungen und Personal Coachings schaffen Raum für praxisnahe Reflexion und individuelle Entwicklung. Das stärkt mentale Fitness, reduziert stressbedingte Ausfälle und fördert eine gesunde, leistungsfähige Unternehmenskultur.

 

Kurz gesagt: EQ ist der verbindende Faktor zwischen fachlicher Exzellenz, menschlicher Kompetenz und wirtschaftlichem Erfolg und damit ein klarer Wettbewerbsvorteil für Kanzleien und Rechtsabteilungen, die zukunftsfähig bleiben wollen.

 


Patricia Ordody ist als Coach für die Weblaw Academy tätig. Gerne unterstützen wir Sie bei der Planung eines individuellen EQ-Coachings für Sie und / oder Ihr Team. Weiterführende Informationen sowie die Möglichkeit einer unverbindlichen Anfrage über unser Formular finden Sie hier.

 

* Die Amygdala ist ein paariges Kerngebiet im Temporallappen des Gehirns und ein zentraler Bestandteil des limbischen Systems. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der emotionalen Bewertung von Reizen, insbesondere im Zusammenhang mit Angst, Stress und Bedrohung, und ist maßgeblich an der Auslösung von „Kampf-oder-Flucht“-Reaktionen beteiligt. Darüber hinaus reguliert sie verschiedene Emotionen wie Wut und Freude, beeinflusst soziale Interaktionen, speichert emotional geprägte Erinnerungen und wirkt auf die Steuerung des Sexualtriebs ein.

Patricia Ordody
Patricia Ordody

Führungskraft im Bankwesen & Unternehmerin, Coach, Gründerin von Health is Wealth, Zürich

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