Themen: Internationales Recht, Handelsstreitigkeiten, Justizstandort Genf, GILA, GILW26, juristisches Networking, Anwaltskarriere.
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Guten Tag, Frau Rechtsanwältin Giroud. Sie sind Partnerin bei LALIVE, Präsidentin der Genfer Anwaltskammer (Bâtonnière) und Präsidentin der GILA. Könnten Sie uns Ihren Werdegang schildern und erzählen, was Sie zur internationalen Prozessführung geführt hat?
Ich war schon immer davon fasziniert, wie die Welt und ihre Regeln funktionieren. So begann ich zunächst ein naturwissenschaftliches Studium, aber mir fehlte die menschliche, emotionalere Dimension. Im Recht habe ich die Kombination aus beidem gefunden: Regeln, die ständig mit der menschlichen Realität konfrontiert werden. Ich habe schon früh ein starkes Gespür dafür entwickelt, was ungerecht sein könnte, was mich zu den Menschenrechten und zum humanitären Völkerrecht führte. So fühlte ich mich naturgemäss zu internationalen Angelegenheiten und vor allem zur Konfliktlösung hingezogen.
Sie wurden 2024 zur Präsidentin der Genfer Anwaltskammer gewählt. Was sind die grössten Herausforderungen, denen sich der Berufsstand heute in Genf gegenübersteht?
Anwältinnen und Anwälte stehen vor neuen Herausforderungen, insbesondere der Digitalisierung des Berufsstandes mit Justitia 4.0 oder auch der künstlichen Intelligenz. Der Berufsstand muss lernen, diese neuen Werkzeuge in seine Praxis zu integrieren, wie es in anderen Zeiten mit dem Telefon, dem Fax oder dem Internet der Fall war.
Was die künstliche Intelligenz betrifft, bleibe ich optimistisch, denn der wahre Wert von Anwältinnen und Anwälten liegt nicht einfach in der Identifizierung der auf eine Situation anwendbaren Regeln. Er liegt vor allem in ihrer Fähigkeit, der Person, die sie aufsucht, zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu verstehen und sie durch das rechtliche und manchmal auch gerichtliche System zu begleiten.
Es gibt eine menschliche Dimension, ein grundlegendes Bedürfnis, gehört und verstanden zu werden, das niemals vollständig durch einen logischen und automatisierten Prozess erfüllt werden kann. Sich ausschliesslich auf künstliche Intelligenz zu verlassen, birgt im Übrigen die Gefahr einer Eigendynamik, da sie wahllos nahezu unendliche Ergebnisse produzieren kann.
Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug, aber sie muss im Dienst des Menschen bleiben. Es braucht Fachleute, die sie mit Urteilsvermögen einsetzen, sie verantwortungsvoll beherrschen und vor allem weiterhin das tun, was Technologie niemals ersetzen wird: mit Menschen sprechen, ihre Realitäten verstehen und sie begleiten.
Unser Berufsstand ist auch mit anderen Herausforderungen konfrontiert, die leider Konstanten sind, insbesondere Angriffe auf die Mission der Anwälte als Garanten des Rechtsstaates sowie auf das Berufsgeheimnis, das doch von grundlegender Bedeutung ist, damit jede und jeder seine Rechte in völliger Unabhängigkeit kennen kann.
Im Namen des Kampfes gegen Geldwäsche oder gegen die Aggression Russlands – beides legitime Kämpfe – tendieren Regierungen leider dazu, zu glauben, dass der Zugang zum Recht und zu unabhängiger Rechtsberatung eingeschränkt oder gar verboten werden kann. Wir haben in den letzten Jahren auch gesehen, wie Demokratien, die man für sehr gefestigt hielt, wie die USA, Anwälte und ihre Kanzleien aus politischen Gründen direkt angegriffen haben.
« Wie andere vor uns ist es unerlässlich daran zu erinnern, dass es ohne Anwälte keinen Zugang zu Recht und Gerechtigkeit gibt und dass es ohne Gerechtigkeit weder einen Rechtsstaat noch eine Demokratie gibt. »
Kommen wir zur GILA. Sie sind die Gründungspräsidentin. Was war die Motivation für die Gründung dieses Vereins und was ist seine Mission?
Meine Tätigkeit in der internationalen Prozessführung führt mich dazu, vor vielen ausländischen Gerichten zu plädieren und deren Praktiken zu vergleichen, aber auch ihre Vision von Gerechtigkeit. Ich konnte beobachten, wie einige Länder wie Grossbritannien, Frankreich oder Singapur ihr Recht und ihre Gerichte zu strategischen Einflusshebeln, aber auch zu echten, wertvollen Exportdienstleistungen gemacht haben.
In der Schweiz wird die Justiz in erster Linie als Prinzip wahrgenommen und oft in ihrer lokalen Dimension verstanden. Diese ist natürlich essenziell, trägt aber den Besonderheiten unseres Landes, das durch seine Dienstleistungen und Exportprodukte grundlegend international ausgerichtet ist, nicht immer Rechnung.
Ich wollte das Bewusstsein für den Wert des Rechtssektors schärfen, nicht nur als eigenständigen Wirtschaftszweig, sondern auch als eine der Rahmenbedingungen der Wirtschaft. In diesem Geist entstand die Geneva International Legal Association, die GILA. Sie ermöglicht es, über die Grenzen einer Anwaltskammer hinauszugehen, um Brücken zu anderen Juristen zu schlagen, seien es Richter, Unternehmensjuristen, Legaltech-Unternehmer, aber auch zur Welt der Wirtschaft.
Die GILA ist somit eine Initiative der Genfer Anwaltskammer, die drei Ziele verfolgt. Erstens: Förderung und Aufwertung von Genf als weltweites Exzellenzzentrum für Rechtsdienstleistungen. Zweitens: Stärkung des Bekanntheitsgrads des Schweizer Rechts und seiner Vorteile, insbesondere seiner Flexibilität und Zuverlässigkeit. Drittens: Sensibilisierung für den wesentlichen Beitrag des Rechtssektors zur gesellschaftlichen Entwicklung und zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit.
Wie unterstützt die GILA konkret den Genfer Justizstandort und seine Fachleute?
Um diese Ziele zu erreichen, konzentriert sich die GILA auf drei Haupttätigkeitsfelder.
Erstens ist es unser Ziel, den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den juristischen und wirtschaftlichen Gemeinschaften in der Schweiz und international zu erleichtern und zu fördern. In diesem Sinne haben wir verschiedene Partnerschaften mit Institutionen der Rechtswelt geschlossen, wie der Universität Genf, dem Schweizerischen Verband der Unternehmensjuristen, der Schweizerischen Vereinigung für Schiedsgerichtsbarkeit oder der Swiss Legaltech Association, aber auch mit der Wirtschaft, insbesondere der FER, der CCIG, Genève Place Financière oder SuisseNégoce.
Unser Ziel ist es auch, mit allen relevanten Akteuren zusammenzuarbeiten, um die Kapazität und Attraktivität der Genfer Gerichte zu stärken, insbesondere durch die Förderung der Verwendung von Englisch als Verfahrenssprache und die Entwicklung spezialisierter Gerichte.
Schliesslich setzen wir uns dafür ein, die juristische Expertise Genfs und das Schweizer Recht im In- und Ausland zu fördern, insbesondere durch die Geneva International Legal Week, aber auch durch andere Initiativen, die darauf abzielen, unsere kantonalen und eidgenössischen Behörden für die wirtschaftliche und strategische Bedeutung des Rechtssektors zu sensibilisieren.
In diesem Zusammenhang hat die Wirtschaftsförderung des Kantons Genf zugestimmt, eine Studie über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Genfer Rechtsdienstleistungen durchzuführen, die Ende April veröffentlicht werden soll.
Die GILA organisiert jedes Jahr die Geneva International Legal Week (GILW). Die erste Ausgabe fand im März 2025 statt. Welche Bilanz ziehen Sie daraus?
Die erste Ausgabe der GILW war ein voller Erfolg. Sie brachte über 400 Teilnehmer aus 11 Ländern sowie führende Experten aus der juristischen, wirtschaftlichen und akademischen Welt zusammen, um über die Handelsjustiz und die rechtlichen Herausforderungen zu diskutieren, mit denen die Schlüsselindustrien Genfs, insbesondere die Finanzwirtschaft, der Rohstoffhandel und die Luxusgüterindustrie, konfrontiert sind.
Die GILW ermöglichte auch strategische Begegnungen und den Austausch, die der Motor für Initiativen waren, die von der GILA zur Unterstützung der Genfer Anwaltskammer getragen wurden, insbesondere die Schaffung eines Handelsgerichts in Genf, die derzeit durchgeführte Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Rechtsdienstleistungen sowie das Postulat 25.4102, « Wirtschaftliche Auswirkungen des Rechts und der Rechtsdienstleistungen in der Schweiz. Für eine nationale Unterstützungs- und Förderstrategie », das im eidgenössischen Parlament eingereicht wurde.
Die GILW25 war somit sowohl der Funke als auch der Resonanzraum für diese Initiativen, die wir im Rahmen der GILW26 gerne weiterverfolgen möchten.
Welche Rolle spielt die GILA für den Nachwuchs und die jungen Juristinnen und Juristen?
Die GILA ist eine grossartige Plattform für junge Berufsleute. Einerseits durch ihre Kommission « Young Litigators », die während der GILW eine Veranstaltung speziell für die « Next Gen » organisiert, und andererseits durch die vielen Freiwilligen, aus denen sie sich zusammensetzt, insbesondere die Kommissionsmitglieder und Officers.
Viele von ihnen sind noch sehr jung in diesem Beruf, aber sie zeigen einen aussergewöhnlichen Enthusiasmus und ein herausragendes Engagement. Die GILA bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen und das Recht aus einer sowohl institutionellen als auch strategischen Perspektive zu betrachten.
All dies sind Erfahrungen und Können, die dazu beitragen, die Talente von morgen zu formen.
« Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug, aber sie muss im Dienst des Menschen bleiben. Es braucht Fachleute, die sie mit Urteilsvermögen einsetzen, sie verantwortungsvoll beherrschen und vor allem weiterhin das tun, was Technologie niemals ersetzen wird: mit Menschen sprechen, ihre Realitäten verstehen und sie begleiten. »
Welche Ratschläge würden Sie einer jungen Juristin oder einem jungen Juristen geben, der sich in Richtung der internationalen Prozessführung in Genf orientieren möchte?
Wie bei jeder Tätigkeit braucht es Leidenschaft und Neugier. Dies sind die besten Motoren, um zu lernen, und der Beruf des Juristen oder Anwalts erfordert ständiges Lernen und Anpassen, sei es an die sich wandelnden Regeln, an die Bedürfnisse der Mandanten, die nie identisch sind, oder an die Arbeitsweise der Justiz, die eine menschliche Institution bleibt und daher ein gewisses Mass an Unberechenbarkeit mit sich bringt.
Über solide technische Fähigkeiten hinaus, die eine unabdingbare Voraussetzung darstellen, ist die Beherrschung von Sprachen für eine internationale Praxis essenziell, insbesondere Englisch, aber auch Deutsch oder sogar andere Sprachen. Maschinelle Übersetzungen können helfen, aber es ist wichtig, die Kultur und das Umfeld der Gesprächspartner, mit denen man arbeitet, zu verstehen.
Der Markt ist wettbewerbsintensiver denn je, und man sollte nicht zögern, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, um seine Talente zu entwickeln und so Profile anzubieten, die sich von anderen abheben.
Herzlichen Dank, Frau Giroud, für diesen spannenden Austausch und für Ihr Engagement zugunsten der Ausstrahlung des Genfer Justizstandortes. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg für die GILW26 und für Ihre weiteren Projekte!
GILW26 – Geneva International Legal Week 2026
Die zweite Ausgabe der Geneva International Legal Week (GILW26) findet vom 9. bis 11. März 2026 in Genf statt. Auf dem Programm stehen: hochkarätige Konferenzen an einem Standort, über 20 «Side-Events» in der ganzen Stadt, der Young Litigators Event an der Universität Genf, ein Willkommensempfang im Palais Eynard und ein Galadinner im Pavillon Sicli.
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