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Ein abwechslungsreicher Beruf in einem tollen Polizeikorps: Wie Jurist Christian Brenzikofer Kommandant wurde und was ihn in diesem Job bewegt

Ein abwechslungsreicher Beruf in einem tollen Polizeikorps: Wie Jurist Christian Brenzikofer Kommandant wurde und was ihn in diesem Job bewegt

Cedric Frenzer
Cedric Frenzer

Jurist oder Polizist? Für Christian Brenzikofer, Kommandant der Kantonspolizei Bern, ist das kein Widerspruch. Im exklusiven Interview spricht er über seinen ungewöhnlichen Karriereweg, die steigende Kriminalität im Kanton Bern und warum der Ausbau des Rechtsstaates die Polizeiarbeit manchmal vor ungeahnte Hürden stellt.


Themen: Polizei, Kriminalität, Karrieretipps, Kommandant, Kantonspolizei Bern.
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Lesezeit: 4 Minuten.
 
Guten Tag Herr Brenzikofer. Sie haben ursprünglich Jura studiert und als Anwalt gearbeitet. Was hat Sie dazu motiviert, eine Laufbahn bei der Polizei einzuschlagen und wie hat sich dieser Weg gestaltet?


Nach meinem Abschluss als Fürsprecher und einem fast einjährigen Auslandsaufenthalt als Yellow Beret in Bosnia i Herzegowina war ich als Gerichtsschreiber am Gericht Aarberg-Büren-Erlach tätig, mit dem eigentlichen Ziel, Richter zu werden. Aber es kam anders: 2001 habe ich meine «Karriere» bei der Kantonspolizei Bern begonnen. Ich war zuerst Chef einer Spezialfahndung und anschliessend Stellvertretender Chef der Kriminalabteilung. Parallel dazu habe ich die Polizeioffiziersausbildung absolviert. Danach wechselte ich in die Funktion als Chef der damaligen Personalabteilung, bevor ich Chef der Abteilung Ressourcen und Dienstleistungen wurde, welche die Bereiche politische Geschäfte, Organisations- und Prozessentwicklung, Recht, Finanzen, Personal, Psychologischer Dienst sowie Aus- und Weiterbildung umfasst.
 
Mit der Wahl zum Kommandanten des Korps der Kantonspolizei Bern mit seinen rund 2'700 Mitarbeitenden im Jahr 2021 – also genau 20 Jahre nach meinem Eintritt – ist für mich ein beruflicher Wunsch, ja mein eigentlicher Traum in Erfüllung gegangen. Es gibt nur eine solche Stelle im Kanton Bern.
 
Wie sieht der Berufsalltag von Juristinnen und Juristen bei der Polizei aus und was schätzen Sie besonders an Ihrer Tätigkeit?
 
Unsere Juristinnen und Juristen sind in ganz unterschiedlichen Abteilungen mit den verschiedensten Aufgabengebieten tätig. Insofern kann ihr Arbeitsalltag nicht verallgemeinernd beschrieben werden. Im Rechtsdienst beschäftigen sie sich beispielsweise mit Fragen rund um die Polizei- und Waffengesetzgebung, mit Angelegenheiten des Beschaffungsrechts und des Datenschutzes, aber auch mit personalrechtlichen Geschäften und Bürgerbeschwerden. Ganz grundsätzlich ist die Arbeit bei der Kantonspolizei sinnstiftend und vor allem abwechslungsreich. Sei es als Polizistin oder Polizist, als Juristin oder Jurist oder als Kommandant: Wir sind für die Bevölkerung da.
 
Welche beruflichen Möglichkeiten eröffnen sich für Juristinnen und Juristen innerhalb der Polizei?
 
Neben der Möglichkeit, als Juristin oder Jurist in unserem Rechtsdienst zu wirken, gibt es auch die Möglichkeit, in anderen Abteilungen, wie z. B. in der Kriminalabteilung zu arbeiten – in Führungs- oder Fachfunktionen. Wir haben auch Juristinnen und Juristen, die zuerst die Polizeischule besucht und danach Jus studiert haben – oder umgekehrt. Ein solcher Werdegang ist äusserst spannend, verbindet er doch die operative Polizeiarbeit mit der administrativen oder gar strategischen Führungsarbeit im Korps.
 
Was sind aus Ihrer Sicht als Kommandant aktuell die grössten Herausforderungen für die Kantonspolizei Bern?

Das ist ganz klar die qualitativ wie quantitativ hohe Arbeitsbelastung aufgrund des Unterbestandes, den wir im Korps der Kantonspolizei Bern seit längerer Zeit haben. Zudem kann die Arbeit auf der Strasse für unsere Mitarbeitenden bisweilen sehr herausfordernd sein, weil auch immer erwartet wird, dass sie alles wissen. Angriffe und Anfeindungen sind oft an der Tagesordnung, wenn auch vor allem in den Ballungszentren. Neben der Arbeit an der Front waren unsere Mitarbeitenden in den letzten Jahren auch mit einer bemerkenswerten Anzahl an Veränderungen – gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung – konfrontiert.

Es ist eine gute Entwicklung, dass nun mehr Fälle von sexuellen Übergriffen gemeldet werden als früher, zeigt jedoch auch, dass weiterhin viel Präventionsarbeit notwendig ist. - Christian Brenzikofer

Die gemeldeten Straftaten im Kanton Bern sind zuletzt deutlich angestiegen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Straftaten in den letzten Jahren?


Wir beobachten die aktuelle Entwicklung mit Besorgnis, insbesondere die steigende Anzahl von Vermögensdelikten; wobei die mehrheitlich beschuldigten Personen aus den Maghreb-Staaten uns stark fordern. Wenig erfreulich ist auch die hohe Anzahl von Gewaltdelikten, wie schwere Körperverletzungen oder im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen. Die Zunahme von Letzteren hängt vermutlich mit der erhöhten Sensibilität in der Gesellschaft zusammen. Es ist eine gute Entwicklung, dass nun mehr Fälle von sexuellen Übergriffen gemeldet werden als früher, zeigt jedoch auch, dass weiterhin viel Präventionsarbeit notwendig ist. 
 
Aber ich kann auch ganz klar festhalten, dass der Kanton Bern nach wie vor ein sehr sicherer Kanton ist und wir die polizeiliche Präsenz und die Ansprechbarkeit der Kantonspolizei Bern gut gewährleisten.
 
Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für die Polizeiarbeit, sowohl im Hinblick auf neue Chancen als auch auf neue Risiken?


Das Thema Digitalisierung beschäftigt unser Korps, wie auch die Gesellschaft allgemein, in vielerlei Hinsicht. Ich möchte zwei Aspekte kurz beleuchten. Einerseits stehen auch wir – wie viele Organisationen – vor der Herausforderung, dass wir unsere Systeme (beispielsweise die Vorgangsbearbeitung) laufend den neuen technischen Gegebenheiten anpassen müssen. Diesbezüglich sind Rhythmus und Komplexität heute bedeutend anforderungsreicher als noch vor einigen Jahren. Andererseits werden wir im Bereich Cyberkriminalität (digitalisierte Kriminalität und Cyberangriffe im Speziellen) laufend mit neuen Phänomenen konfrontiert (beispielsweise Sextortion, Phishing, Money Mules, usw.). Hier sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gefordert. Damit verbunden sind aber auch spannende und vielseitige Aufgaben für unsere Mitarbeitenden sowie modernste Arbeitsmittel. Dies ist klar als Chance zu erkennen.

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Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Behörden wie der Staatsanwaltschaft oder anderen Polizeikorps?
 
Die Zusammenarbeit sowohl mit der Staatsanwaltschaft als auch mit anderen Polizeikorps ist gut. Zwar ist in der Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft die klare Trennung der Rollen wichtig und richtig. Die Staatsanwaltschaft ist aber in der Regel durchaus bereit, unsere Anliegen anzuhören, wenn es darum geht, Lösungen für die optimale Abarbeitung von Ereignissen zu finden. Problematisch erscheint mir, dass der mutmassliche Ausbau des Rechtsstaates (beispielsweise in der Strafprozessordnung mit den Teilnahmerechten oder den Vorgaben zur Siegelung) letztlich dazu führt, dass eben dieser durch Verfahrensverzögerungen, unnötige Zwischenentscheide und dergleichen gefährdet wird. 

Mit den Kommandantinnen und Kommandanten der anderen Schweizer Polizeikorps bin ich in regelmässigem Austausch. Wir unterstützen uns gegenseitig, wenn es darum geht, auf strategischer Ebene gemeinsame Ziele zu erreichen. Wir arbeiten aber auch operativ zusammen, wenn grosse Einsätze zusätzliche personelle Ressourcen benötigen. Die grossen Unterschiede und Eigenheiten der Kantone sind hierbei jeweils Herausforderung und Chance zugleich.
 
Die Polizei steht oft im Spannungsfeld zwischen politischem Erwartungsdruck und operativer Unabhängigkeit. Wie gehen Sie mit dieser Balance um?
 
In der Regel hilft mir meine langjährige Erfahrung bei der Kantonspolizei Bern mit diesem Spannungsfeld umzugehen. Es gibt aber durchaus auch Momente, in denen ich zweigeteilt bin: im Herzen bin ich dann als Polizist operativ im Einsatz - und gleichzeitig muss ich im Kopf als strategisch denkender Kommandant argumentieren oder entscheiden.
 
Ganz grundsätzlich ist die Zusammenarbeit mit unserem Sicherheitsdirektor, Regierungsrat Philippe Müller, der Sicherheitskommission des Grossen Rates und den Grossrätinnen und Grossräten sehr gut und findet auf Augenhöhe und im Bewusstsein für die jeweiligen Rollen statt.
 
Welche Tipps würden Sie Juristinnen und Juristen mitgeben, die sich für eine Laufbahn bei der Polizei interessieren?

Prüfen Sie unsere Stellenangebote und lassen Sie sich nicht durch das etwas tiefere Lohnniveau, als dasjenige von anderen Arbeitgebern, abschrecken. Sie finden bei uns einen unglaublich spannenden und abwechslungsreichen Berufsalltag und werden Teil eines tollen Polizeikorps!  

Vielen Dank für die spannenden Einblicke in Ihre Karriere und die Arbeit der Polizei. Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute!

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