Themen: Inklusion, Barrierefreiheit, Karrieretipps, Resilienz, Bezirksrat Zürich. Kommentieren Sie gerne auf LinkedIn.
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Guten Tag Herr Sagi-Kiss. Sie sind Vizepräsident des Bezirksrats Zürich und engagieren sich intensiv für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Könnten Sie uns Ihren Ausbildungsweg schildern und erläutern, was Sie dazu motiviert hat, eine juristische Laufbahn einzuschlagen?
Mein Ausbildungsweg war von Beginn an von zahlreichen Hindernissen geprägt – so vielen, dass ich Mühe habe, sie alle in Erinnerung zu rufen, ohne danach den Drang zu verspüren, zur Frustbewältigung eine oder mehrere Tafeln Schokolade zu verdrücken. Die Schwierigkeiten begannen, als ich mit zwölf Jahren in die Schweiz zurückkehrte. Das Schulsystem und das Bildungswesen insgesamt schienen damals stillschweigend davon auszugehen, dass Menschen mit Behinderungen nicht im herkömmlichen Sinne bildungsfähig seien. Entsprechend unvorbereitet und unbeholfen zeigte man sich beim Thema Inklusion.
Seither hat sich zwar einiges verändert, auch wenn wir noch längst nicht am Ziel sind und es politische Kräfte gibt, die versuchen, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Exemplarisch für meine Erfahrungen steht das Urteil B-7914/2007, das in meinem Fall ergangen ist und durchaus eine gewisse Strahlwirkung entfaltet hat.
Dieser Erfolg im Kampf um Gleichstellung – und letztlich bereits das gesamte Verfahren – hat mitunter mein Interesse an der Juristerei geweckt.
Zum Bezirksrat kam ich gewissermassen durch einen glücklichen Zufall. Ich trat mit 19 Jahren der SP bei und engagierte mich über viele Jahre hinweg. Als meine Vorgängerin Christine Stokar aus dem Bezirksrat zurücktrat, dachte ich sofort: Das würde mich interessieren. Zunächst zögerte ich jedoch, da ich erst kurz zuvor eine neue Stelle angetreten hatte und beides nur schwer miteinander vereinbar gewesen wäre. Dank der Ermutigung einiger Menschen aus meinem Umfeld bewarb ich mich schliesslich – eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.
Sie sind selbst auf einen Rollstuhl angewiesen. Welche besonderen Herausforderungen sind Ihnen während Ihres Studiums und in Ihrem Berufsalltag begegnet?
Während meines Studiums fühlte ich mich in Bezug auf das Thema Behinderung oft allein auf weiter Flur. Es gab kaum Studierende mit Behinderungen. Das war in den Jahren 2008 bis 2017. Um genau zu sein, kannte ich lediglich eine weitere Studierende mit Behinderung an der Hochschule. Zu Beginn jedes Semesters mussten wir erneut Arztzeugnisse und Gesuche einreichen, um immer wieder dieselben Nachteilsausgleiche zu erhalten – obwohl klar war, dass sich an der medizinischen Situation per Definition nichts ändern konnte. Diese Verfahren waren sehr belastend und machten das Überwinden der alltäglichen Hindernisse zusätzlich anstrengend.
Im Berufsleben brauchte ich vor allem eines: einen langen Atem – und auch eine Portion Glück. Viele Anwaltskanzleien und grosse Teile der öffentlichen Verwaltung sind nach wie vor nicht barrierefrei. Entsprechend ist es oft ein Zufall, ob eine offene Stelle überhaupt infrage kommt. Glücklicherweise lasse ich mich nicht so leicht entmutigen.
Hinzu kommt, dass Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen weit verbreitet sind. Nicht selten entscheiden sich Arbeitgeber für den scheinbar einfacheren Weg und geben, wenn möglich, Bewerbungen von Menschen ohne Behinderung den Vorzug. Das ist eine Realität, die sich nicht leugnen lässt. Gleichzeitig bin ich immer wieder Menschen begegnet, die mich unterstützt und sich an meiner Seite engagiert haben. Dank ihnen konnte ich – wenn auch mit vielen Umwegen – meinen beruflichen Weg letztlich gehen.
Inwiefern wurden Sie von Ihrer Hochschule, der ZHAW, oder Ihrem Arbeitgeber, dem Kanton Zürich, unterstützt?
Sowohl an der ZHAW als auch in der kantonalen Verwaltung gibt es engagierte Einzelpersonen, die sich mit Blick auf Inklusion als unverzichtbare Verbündete erweisen. Meine Kolleg:innen schätze ich sehr. Darüber hinaus waren in meinem Fall umfangreiche bauliche Massnahmen in den Räumlichkeiten und am Gebäude des Bezirksrats notwendig, die zum Teil auch erkämpft werden mussten. So wurde letztlich sogar das Trottoir vor dem Gebäude angehoben. Es tat gut zu erleben, dass alle Beteiligten an einem Strang zogen – auch wenn sich der Prozess über lange Zeit hinzog. Während der ersten 18 Monate im Amt gelangte ich jeweils nur über mühsame Umwege und mit Dritthilfe ins und aus dem Büro. Umso mehr schätze ich die Aufmerksamkeit und Unterstützung meiner Arbeitskolleg:innen im Alltag. An der ZHAW wurde unter anderem eine Tür halbautomatisiert. Zudem gab es den bereits erwähnten Nachteilsausgleich bei Prüfungen: Ich durfte diese in einem Raum in der Nähe einer barrierefreien Toilette absolvieren und erhielt aufgrund meiner motorischen Einschränkung eine Zeitverlängerung. Insgesamt empfand ich den Umgang mit Inklusion an der ZHAW jedoch oft als zäh – als müsse man Menschen mit Behinderungen zusätzlich zur Behinderung auch noch die Verantwortung übertragen, Hindernisse aktiv zu beseitigen und sich ständig zu rechtfertigen. Dennoch blicke ich gerne auf meine Studienzeit zurück, wenn auch nicht wegen einer besonders progressiven Haltung gegenüber Studierenden mit Behinderungen. Ich hoffe, dass sich dies inzwischen verbessert hat.
Mein Amt als Mitglied des Bezirksrats lässt sich im Übrigen nicht eins zu eins mit einer Anstellung vergleichen. Ob meine überwiegend positiven Erfahrungen in der öffentlichen Verwaltung repräsentativ sind, kann ich daher nicht beurteilen.
Vorurteile, Ängste und teils auch Abneigung sind überall in ähnlichem Ausmass anzutreffen. Entscheidend ist, dass Betriebe eine Kultur schaffen, in der Personalentscheide nicht von solchen negativen Zuschreibungen geprägt sind, wenn sich beispielsweise eine Person mit Behinderung bewirbt. - Matyas Sagi-Kiss
Wie inklusiv ist der juristische Arbeitsmarkt aus Ihrer Sicht für Menschen mit Behinderungen, und welche Verbesserungen würden Sie sich wünschen?
Der juristische Arbeitsmarkt unterscheidet sich in Bezug auf Menschen mit Behinderungen kaum von anderen Arbeitsmärkten. Vorurteile, Ängste und teils auch Abneigung sind überall in ähnlichem Ausmass anzutreffen. Entscheidend ist, dass Betriebe eine Kultur schaffen, in der Personalentscheide nicht von solchen negativen Zuschreibungen geprägt sind, wenn sich beispielsweise eine Person mit Behinderung bewirbt.
Ebenso wichtig ist es, von Beginn an darauf zu achten, dass keine strukturellen Hindernisse bestehen, die für Menschen mit Behinderungen unüberwindbar sind. Das ist zweifellos leichter gesagt als getan. Wer sich der Aufgabe jedoch ernsthaft annimmt, erkennt schnell, dass es vor allem den entsprechenden Willen braucht, um echte Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Wie beurteilen Sie die rechtliche Situation von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz?
Mit der Antwort auf diese Frage könnte man Bücher füllen. Vieles funktioniert gut, und noch mehr könnte wesentlich besser sein, erst recht, wenn wir berücksichtigen, dass die Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat.
Besonders problematisch sind der klar unzureichende Diskriminierungsschutz im Privatrecht, die mangelhafte ambulante medizinische Versorgung von Menschen mit psychischen Behinderungen sowie die sozialversicherungsrechtlichen Rahmenbedingungen, die die Niederlassungsfreiheit und die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens ausserhalb von Heimen übermässig einschränken, erschweren oder gar verunmöglichen, um nur einige zu nennen.
Immer wieder sehr befremdlich ist, wie nach aussen gut getarnte Gegner:innen der Gleichstellung und Inklusion von uns Menschen mit Behinderungen auf unser Engagement hinter verschlossenen Türen reagieren. Etwa indem wir hochmütig zur Dankbarkeit ermahnt werden, unsere rechtliche Situation geradezu pietätlos beschönigt oder mit jener in Ländern verglichen wird, die sie selbst nie als Vergleich heranziehen würden, wenn es um ihre Grundrechte oder um ihre eigenen politischen Forderungen geht.
Sie sind Präsident der Kantonalkommission von Pro Infirmis Zürich. Welche Ziele verfolgen Sie in dieser Rolle?
Pro Infirmis bietet eine Vielzahl von Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen an, etwa Sozialberatung oder die Wohnschule. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen in ihren Fähigkeiten zu stärken und sie dabei zu unterstützen, ein Leben in der Mitte der Gesellschaft führen zu können. Nicht als Gnadenakt, sondern weil es selbstverständlich sein sollte, dass Menschen mit Behinderungen – ebenso wie Menschen ohne Behinderungen – ihren Platz in der Gesellschaft haben.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema Inklusion. Behinderung stellt nach wie vor eines der grössten Armutsrisiken in der Schweiz dar. Das muss sich ändern, und dafür setzt sich Pro Infirmis ein – durch die Stärkung von Individuen und durch die Mitgestaltung gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen.
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Mehr erfahrenMit Ginger haben Sie eine Assistenzhündin an Ihrer Seite. Welche Rolle nimmt sie in Ihrem Leben ein und hilft sie Ihnen auch im Beruf?
Meine Assistenzhündin Ginger bezeichne ich mit einem Augenzwinkern als sechste Bezirksrätin. Sie hilft mir beim Ausziehen der Socken, öffnet Schubladen und Türen und hebt Gegenstände auf, die mir aus dem Rollstuhl heraus nicht mehr zugänglich sind. Darüber hinaus ist sie natürlich auch einfach ein geliebtes vierbeiniges Familienmitglied. Ihre stets gute Laune trägt wesentlich dazu bei, sich nach einem anstrengenden Arbeitstag schneller zu erholen.
Welche Ratschläge haben Sie für junge Menschen mit Behinderungen, die ebenfalls eine erfolgreiche berufliche Laufbahn anstreben?
Schablonenhafte Ratschläge halte ich für wenig hilfreich. Rückblickend erscheint mir vor allem eines zentral: Es braucht eine grosse Portion Resilienz und damit einhergehend die Fähigkeit, Rückschläge nicht übermässig an sich heranzulassen. Von Vorteil ist es, wenn wir Chancen erkennen und die Fähigkeit haben, in den richtigen Momenten mutig zu sein. Das Erkennen von Chancen und Mut ist natürlich für alle wichtig. Nur erhalten Menschen mit Behinderungen in der Regel nicht so oft die Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, wie dies bei Menschen ohne Behinderungen der Fall ist.
Wichtig ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass vielen von uns der Mut gewissermassen aberzogen und eine fast unterwürfige Dankbarkeit anerzogen wurde. Es ist wichtig, sich dies wieder abzutrainieren. Gleichzeitig sehe ich es als Aufgabe jener von uns, die im Berufsleben letztlich doch einen Platz gefunden haben, die eigene Position zu nutzen, um den Einstieg für andere leichter zu machen, als er für uns selbst war. Ich treffe mich gelegentlich mit Kolleg:innen mit Behinderungen, die am Beginn ihres Berufswegs stehen, versuche mitzudenken und zu unterstützen. Es wäre jedoch anmassend zu glauben, man könne per se „weise Ratschläge“ geben.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke in Ihren Alltag und die aktuelle Situation der Barrierefreiheit in der Schweiz. Wir wünschen Ihnen und Ginger für die Zukunft weiterhin alles Gute!
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